Eröffnungsrede Notationen Wolfgang Siano

Zivilisationen
Die Verschränkung von Ordnung und Unordnung, mit der Jürgen Kellig eine Reihe
früherer Zeichnungen charakterisiert hat, ist von ihm in den letzten zwei Jahren
folgerichtig weiterentwickelt worden. Er hat die Reflexion dieser Verschränkung mit in
den Prozess ihrer Darstellung einbezogen. Die Arbeiten, die er hier in seiner Ausstellung
zusammengefasst hat, können schon auf Grund ihrer Anordnung als eine solche
Reflexion verstanden werden.
Im Einzelnen zeigen sie sich als Protokolle von Assoziationsverläufen, die sich im
Arbeitsprozess aus den Elementen des Aufzeichnungsverfahrens – aus Punkt, Linie und
Fläche – selbst ergeben. Deren vielfältig unterbrochene rekursive Ordnungen
erscheinen schließlich als Schaltpläne einer konzeptionellen Freiheit, die im Wechsel
des Öffnens und Schließens von Zwischenräumen, in diskontinuierlicher Kontinuität,
momentweise zur Erfahrung kommt.
‚Notationen’ hat Jürgen Kellig den Katalog zu dieser Ausstellung betitelt, und damit ist
ganz allgemein der Zusammenhang von Zeichen und Informationen gemeint. In der
Erfahrung von diskontinuierlicher Kontinuität erweitern sich jedoch innerhalb dieses
Schemas die Spektren von Bedeutungsmöglichkeiten, so wie innerhalb einer
gesprochenen Sprache, im Gebrauch ihrer Elemente, die Bedeutungen immer wieder
kontextuell beglaubigt werden müssen und darin auch einem impliziten Wandel
unterliegen.
Im hinteren Raum der Ausstellung finden wir die Zeichnung ‚Zivilisation’ und sie hat, so
vom Ende her gedacht, programmatischen Charakter. Ihre grafischen Formen erinnern
in ihren partiellen Symmetrien und geometrischen Mustern an archäologisch
erschlossene Grundrisse architektonischer Überreste einer vergangenen Welt. An
zeichnerische Überlieferungen auch aus Renaissance und Barock, die sich nicht mehr
zu einer übergreifenden Einheit fügen.
Sie sind vereinzelt und in dieser Vereinzelung erzeugen sie eine Spannung, die über sie
hinausweist, sie zugleich aber auf die Formen der Überlieferung bezogen bleiben lässt.
Die Idee der ‚Zivilisation’ wirkt nach, aber sie wird unter veränderten Bedingungen zu
einem fortwährenden Auftrag. Sie ist nicht mehr einfach als Konstruktion zu entwerfen,
sondern aus der Ungleichzeitigkeit ihrer überlieferten Formen sowie der Gleichzeitigkeit
ihrer funktionalen Elemente anders zu entwickeln.
Die überlieferten Formen der modernen Zeichnung haben ihren Ursprung in eben der
Renaissance und dem Barock, die sie aus geometrisch-mathematischen Kalkülen
heraus entwickelten. Sie waren damit aber auch immer schon einbezogen in bzw.
konstitutiv für den militärischen und den finanztechnischen Komplex. Dieser
systematische Aspekt der Zeichnung hat sich heute in den virtuellen Welten
verselbständigt. Und von hier aus stellt sich die Frage nach der Möglichkeit eines
programmatisch anderen Kalküls. Eines Kalküls, das den Horizont des Zivilisatorischen
offenhält, so wie die Zeichnungen von Jürgen Kellig in ihrer Unabgeschlossenheit auf
den offenen Prozess ihres Entstehens zurückverweisen.
Diese Unabgeschlossenheit hat Aufforderungscharakter. Sie wendet sich an die
Betrachter wie an den Künstler selbst: weitersehen, weiterhören, weiterdenken, sich auf
Möglichkeitsräume hin entwerfen. So werden einige Arbeiten als Partituren verstanden,
vielleicht als Partituren von Zwischenraummusiken, die sich als grafische Ereignisse in
der Spannung der assoziativ aufeinander bezogenen Elemente zeigen. Wollte man
oder frau die Partituren musikalisch interpretieren, hätten sie sie – ausgehend von und
rückbezüglich auf die vorgegebene Notation – auf eigene, wiederum assoziative Weise
fortzusetzen, so wie der Begriff Partitur eine assoziative Erweiterung des Begriffs
Notation darstellt..
Heute morgen bin ich auf einen Satz von Paul Valéry gestoßen, in dem es heißt: „Das
Ereignis kommt hoch, erscheint, blendet, verblüfft – und verrauscht.“ Vielleicht hat
Valéry zu schnell kapituliert. Sicher hat er recht, wenn man an die Echtzeitkonstruktion
der Digitalisierung denkt, die das Verschwinden der Zeit in ihrer Permanenz von
Gegenwart verschließt, so, wie auf snapchat die bildliche Beglaubigung des gelebten
Lebens im getakteten Zeitstrom portioniert wird.. Dieser Konstruktion jedoch ist, in einer
wiederum erweiterten Gleichzeitigkeit, das individuelle Zeitbewusstsein Jürgen Kelligs
entgegenzustellen, das sich in eigenen Zeitfeldern verortet. Dessen Ereignishaftigkeit
kommt in Zwischenräumen zur Erfahrung, die gleichermaßen durchlässig sind auf
vergangene wie auf zukünftige Ereignisse. Ihr Verrauschen ist das Echo des
meditativen Rauschs seiner Produktion.
Wolfgang Siano

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